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Mutterherz, eine wahre Begegnung


Die Herbstferienwoche war für mich sehr herausfordernd. Ich musste meinem Berufsalltag nachgehen und das Sportcamp von meinem Sohn fing erst Mitte der Woche an. Das sind Tage, die wir irgendwie zusammen überbrücken müssen. Normalerweise schaue ich, dass sich seine Ferienzeit mit meinem Urlaub überschneidet, aber wer hat schon 75 Tage im Jahr Urlaub. Selbst mit Abbau meiner Gleitzeit ist es schwer abzudecken. So sitzt er Zuhause und die Langweile plagt ihn, was ich persönlich nicht schlimm finde, aber für ihn ist die Zeit nur schwer auszuhalten. Zu normal scheint die Flucht in die Medienwelt, die das Leben als andauerndes Abenteuer mit ständigen Belohnungen suggeriert. Möglichkeiten, die gefühlte Eintönigkeit zu überbrücken und aus der realen Welt zu flüchten, gibt es genug. Die meisten Kinder haben in der 6. Klasse schon Handys, beziehungsweise sind da schon spät dran. In der Schule darf das Handy in der Mittagspause genutzt werden, so sitzen in der Kantine Scharen von Schülern, die nur wenig miteinander reden, da sie mit ihrem eigenen Handy beschäftigt sind.

Nach all dem scheint der "normale" Alltag als sehr stupide und nicht lebenswert, wenn der Tag nicht durch das ein oder andere Game bereichert wird. Gesprächsthemen Nummer 1 sind sämtliche YouTube Channels, TikTok, all die Handy- und Konsolenspiele und welches Level bereits erreicht wurden. Die Diskussionen darüber reichen bis in den Unterricht hinein.


Mein Sohn bevorzugt die Freundschaften, die ihm mit einem sensationellen Wissen über die Spielewelt imponieren können. Zunehmend bemerke ich, wie ihm ausgleichende Hobbys und erste Freundschaften unwichtiger werden. Mit der Wahl des Handy- oder Konsolenspiels ändern sich auch die Freundschaften und früher gefeierte Freunde werden plötzlich zu gefürchteten Rivalen. Mein Mutterherz ist bei dem Gedanken daran sehr gefordert, denn welche Mutter wünscht sich nicht auch gute Freundschaften für ihr Kind? Was ist passiert in dem Leben unserer Kinder und wieso kann es so Besitz von ihrem Leben ergreifen?


Ich kann gut nachvollziehen, welche Reize die Kinder an die Medien fesseln. Als Spieler habe ich die Möglichkeit in eine andere Identität zu schlüpfen und muss mich weniger mit meinen eigenen, direkt vor mir liegenden Herausforderungen beschäftigen. In der fiktiven Welt gibt es kaum Schwächen und es ist kein Problem heute Spiderman und morgen schon ein anderer Superheld zu sein. Jeden Tag gibt es neue Belohnungen, weitere Level und andere Anreize, aber all das bringt ihn in seinem Leben nicht weiter. Mein Wunsch ist es, dass er nicht völlig davon eingenommen ist und auch ohne Beschallung etwas mit sich anzufangen weiß.

Zeit für eine wahre Begegnung

Die Ablenkung meines Sohnes bringt auch Vorteile mit sich. Ich kann in dieser Zeit viele Dinge für mich abarbeiten und komme mit meinen Aufgaben schnell voran. Doch dadurch gehen auf Dauer die Momente, die in Erinnerung bleiben, verloren. Zeit zu haben und sich Zeit zu nehmen, ist ein hohes Gut. Ich möchte nicht ständig beschäftigt sein, sondern mich auch damit beschäftigen, was ihn beschäftigt. Als seine Mutter ist es mir ein großes Anliegen, ihm in seinen Vorstellungen und Erwartungen zu begegnen und die Gelegenheit für eine wahre Begegnung zu schaffen. Ich möchte mir die Zeit für ihn nehmen, auch wenn ich sie nicht habe. Die Hausarbeit und andere Aufgaben mal ruhen lassen, um ihm mein Ohr für seine Gedanken und Sorgen zu leihen.


Mein Mutterherz möchte ihm gerne vermitteln, wie wertvoll und einzigartig er ist. Er muss nicht erst in eine andere Rolle schlüpfen, um geschätzt, angenommen und geliebt zu sein. Ich möchte einen vertrauensvollen Raum schaffen, indem er sich reflektieren und mit seinen Stärken und Schwächen auseinandersetzen kann. Am Ende zählt, wie er mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Schicksalsschlägen in seinem Leben umgehen kann und welche Schlüsse er daraus zieht. Mein Wunsch ist es, mir die Zeit zu nehmen, um ihn auf seinem Weg zu begleiten und ihm wichtige Dinge mitzugeben. Ich denke, wie Rudolf Dreikurs vor langer Zeit schon geschrieben hat:


Wir können unsere Kinder nicht vor dem Leben schützen. Daher ist es wichtig, sie darauf vorzubereiten.


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